Midwife examining newborn baby at postnatal care in practice checking weight with scale

Warum Hebammen bald keine Geburtshilfe mehr leisten können – und was du dagegen tun kannst

Sicher hast du in den Medien gehört oder gelesen, dass es Probleme im Bereich der Versicherung für Hebammen gibt. Aber hast du mal genau hingehört? Da ich wieder Schwanger bin und bereits bei unserem ersten Kind unserer Hebamme sehr dankbar war, schaue ich heute mit dir genauer hin.

In diversen Facebook Gruppen lese ich immer wieder das junge Mütter gut ohne Hebamme auskommen. Für mich unvorstellbar! Unsere Christina hat uns viel Sicherheit, Gelassenheit, Akzeptanz und Tipps und Tricks mit auf den Weg gegeben. Und das ohne uns dogmatisch etwas aufzuzwängen. Wir sind immer noch begeistert und freuen uns auf die erneute Zusammenarbeit Hand in Hand.

Zunächst möchte ich einen kleinen Einblick in die Aufgabenbereiche einer Hebamme geben.

Welche Aufgaben hat eine Hebamme?

Die Aufgaben der examinierten Hebamme können grob in drei Bereiche gegliedert werden. Dazu gehören die Schwangerenvorsorge, die Geburtsvorbereitung und -hilfe und die Wochenbettbetreuung.

Schwangerenvorsorge

Während der Schwangerschaft kann dir deine Hebamme nahezu alle üblichen Schwangerenvorsorgeuntersuchungen bieten, mit Ausnahme der Ultraschalluntersuchungen. Das heißt konkret, von der Feststellung der Schwangerschaft über das Ausstellen des Mutterpasses bis hin zu den Untersuchungen mit dem CTG, dem Pinard-Rohr, Abstriche, Blut- und Urinuntersuchungen, Kontrolle des Blutdrucks, Beratung und Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden und Ernährung sowie vieles mehr. Es besteht sogar die Möglichkeit der Vorsorgeuntersuchungen im Wechsel mit deinem Frauenarzt.

Geburtsvorbereitung und -hilfe

Ein Geburtsvorbereitungskurs kann dich und deinen Partner mental und körperlich auf die Geburt und die Zeit danach vorbereiten. Es ist auch ein Raum des Austauschens und Informierens mit anderen Schwangeren und Paaren im kleinen intimen Rahmen. Übrigens: Deine gesetzliche Krankenkasse übernimmt  derzeit 14 Stunden a´60 Minuten Geburtsvorbereitungskurs für dich.

Während der Geburt leistet die Hebamme Geburtshilfe, das heißt sie unterstützt die gebärende Frau in allen ihr möglichen Belangen. Das macht sie zum Beispiel durch verschiedene Geburtsstellungen, Massagen – auch Dammmassagen – und Überwachung des Babys. Recht unbemerkt überwacht sie regelrecht den Ablauf der Geburt und wird gegebenenfalls entscheiden ob ein medizinisches Eingreifen nötig wird.

Ist dein Baby endlich da sorgt die Hebamme für die erste Beurteilung des Neugeborenen (U1), die Pflege und alle erforderlichen Untersuchungen bei dir.

Wusstest du, dass ein Arzt nur im Notfall eine Geburt ohne Hebamme durchführen darf? Per Gesetz (nach § 4 Abs. 1 Satz 2 (HebG/D) besteht für jede Entbindung die Hinzuziehungspflicht einer Hebamme. Demnach ist die fehlende Hebammenhilfe unter der Geburt gesetzeswidrig. Nach einem Urteil des europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Jahr 2010 sogar menschenrechtswidrig.

Wochenbett

Nach der Geburt hören die Aufgaben der Hebamme nicht auf. Jetzt beginnt sogar das Groh ihrer Arbeit! Es gilt eine junge Mutter und meist auch den Rest der Familie im Wochenbett zu betreuen – und jeder von uns tickt anders. Sie muss sich also sehr gut auf die verschiedenen Personen einstellen können.

Ihr Hauptaugenmerk liegt hier auf der Betreuung von Mutter und Kind. Beobachtung des allgemeinen Zustandes von Mutter und Kind, Nabelpflege, allgemeine Pflege von beiden, Stoffwechseltest beim Kind, Kontrolle der Gebärmutterrückbildung und der Wundheilung, Beratung bei körperlichen und seelischen Verstimmungen, Still- und Ernährungsberatung, Rückbildungsgymnastik und vieles mehr.

Bis zu 40 Besuche darf deine Hebamme mit deiner Krankenkasse abrechnen. Die verteilen sich folgendermaßen: 20 (2 pro Tag) in den ersten 10 Tagen nach der Geburt und ab Tag 11 bis zur 8. Lebenswoche nochmal 16 Besuche. Darüber hinaus noch 4 Still-und Ernährungsberatungen solange gestillt wird oder wenn nicht bis zum 9. Lebensmonat des Kindes, sowie bei Bedarf sogar noch mehr auf Rezept deines Arztes. Also richtig viele und umfassende Besuche, wenn nötig.

Im Großen und Ganzen betrachtet also ein unheimlich wichtiger Berufszweig. Sicherlich für viele Hebammen eine Berufung und Herzensangelegenheit. Und doch ziehen sich immer mehr Hebammen aus der Geburtshilfe zurück. Warum?

Hebammen leisten zum Teil keine Geburtshilfe mehr! Warum?

Viele Hebammen geben als Grund die starken Veränderungen in der Haftpflichtversicherung für Hebammen an. Jede Hebamme in Deutschland unterliegt der Haftpflichtversicherungspflicht. Ohne diese darf die Hebamme nicht praktizieren!

Starke Veränderungen? Vor 25 Jahren lagen diese Haftpflichtbeiträge noch bei circa 50 €. Ab dem 01. Juli 2015 liegen dieselben Beiträge bei 6275 €. Eine Hebamme hat einen durchschnittlichen Netto/Stundensatz von 8,50 € und zählt somit in Deutschland zu den Geringverdienern. Somit ist das Hauptaufgabenfeld einer Hebamme schlicht finanziell unrentabel. Zusätzlich will einer der drei großen Hauptversicherer der Hebammen ganz aus der Hebammenversicherung aussteigen.

Sind nur Mütter die Hausgeburten wünschen betroffen?

Nein! ALLE  Schwangeren sind betroffen, denn z.B. in Bayern werden viele Geburten von freiberuflichen Beleghebammen betreut und die hören zum Großteil auf zu arbeiten. Das ist eine Katastrophe, denn nicht nur die Entscheidung zwischen klinisch und außerklinisch wird den Frauen genommen, sondern viele geburtshilfliche Abteilungen schließen komplett. Das betrifft also nicht nur den kleinen Teil der Frauen die eine Hausgeburt wollen sondern ALLE. Die kleinen Häuser schließen, es gibt noch weniger Wahlfreiheit, die Anfahrtswege werden enorm lang und die großen Häuser sind völlig überfordert. So wird Schwangeren auf Sylt jetzt schon empfohlen sich rechtszeitig vor der Entbindung eine Bleibe auf dem Festland zu suchen.

Zusätzlich werden in Kliniken immer mehr Hebammenstellen gestrichen, um Personal einzusparen. Die Frauen sollten demnach damit rechnen, während der Geburt alleingelassen zu werden, da die diensthabende Hebamme mehrere Gebärende gleichzeitig betreut. Ich habe damit nicht gerechnet. In der Nacht in der unser Sohn zur Welt kam, waren auf der Entbindungsstation zwei Hebammen mit neun Entbindungen in 10 Stunden beschäftigt. Mehr brauche ich zu unserer Betreuung wohl nicht sagen.

Immer mehr Schadensfälle?

Aber warum steigen die Versicherungsbeiträge so immens? Gibt es etwa immer mehr Schadensfälle? Nein, im Gegenteil. Die Schadensfälle sind sogar Rückläufig. Dies ist unter anderem auf die gesetzlich verankerte Fortbildungspflicht für Hebammen zurückzuführen.

ABER: Etwaige Schadensfälle kosten den Versicherungen mehr Geld. So können heute geschädigte Personen sehr viel besser medizinisch versorgt werden. Die Pflegekosten sind immens gestiegen und die sonstigen Kosten für medizinische Versorgung ebenfalls.

Wenn nicht bald eine Lösung gefunden wird droht der Beruf der Hebammen langsam auszusterben.

Welche Ziele verfolgen die Hebammen?

Auf der Website des Deutschen Hebammenverbandes sind die Forderungen schön dargestellt:

  • Erhalt der wohnortnahen und niedrigschwelligen geburtshilflichen Versorgung und Verbesserung der Versorgung von Müttern und Neugeborene
  • Erhalt der Wahlfreiheit des Geburtsortes für Frauen
  • Erhalt und Ausbau der Versorgung mit Hebammenhilfe
  • Gefordert wird auch eine Anhebung der Honorare und Gehälter auf ein Niveau, das der hohen Verantwortung entspricht, die Hebammen übernehmen
  • Einrichtung eines Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe

Wie können wir Eltern und werdende Eltern sie dabei unterstützen?

Ist das überhaupt nötig? JA, ist es! Es gibt in Deutschland etwa 18.000 Hebammen. Demnach ist die Berufsgruppe der Hebammen eher klein. Wenn alle Eltern die dankbar über die Unterstützung ihrer Hebamme sind oder sich diese noch wünschen, mit den Hebammen zusammen kämpfen, kann viel mehr bewegt werden!

Weitere Informationen erhältst du unter:

http://www.unsere-hebammen.de/

https://www.facebook.com/deutscher.hebammenverband?ref=hl

http://www.hebammenunterstuetzung.de/  in naher Zukunft www.mother-hood.de

Das neue Forum Mother Hood ist aber bereits online und aktive.

 

Wie denkst du über das Thema? Wie hast du deine Hebamme unterstützt?

Ich freue mich über einen regen Austausch…

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Quellen:

Seite: “Hebamme”. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. Mai 2015, URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hebamme&oldid=142442061

Seite “Meine Hebamme” In: Schwangerenvorsorge, Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung. Bearbeitungsstand: 27. Mai 2015, URL: http://www.meinehebamme.de/Home,123.html

Seite “Björn Schönfeld” In: Hintergrund. Bearbeitungsstand: 27. Mai 2015, URL: http://www.bjoernschoenfeld.de/daserstegesicht/hintergrund/

Seite “Facebook” In: Christine Niersmann. Bearbeitungsstand: 17. Februar 2014, URL: https://www.facebook.com/christine.niersmann/posts/3900690531024

Seite “Hebammenverband” In: Aktuell/Aktionen/Archiv. Bearbeitungsstand: 17. Mai 2013, URL: https://www.hebammenverband.de/aktuell/aktionen/archiv/e-petition/unsere-forderungen/?no_cache=1&sword_list[]=forderungen

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